K & D . Tosca . Peace Orchestra . Stereotyp . DJ DSL . URBS . Rodney Hunter
 
BEATS FüR DIE PARTY  
11/04/2002 - profil 45/02
Pop. Die Wiener DJ-Legende DSL veröffentlicht ihr erstes Album und beweist: Große HipHop-Kunst hat nichts mit Posen und Effekten, aber sehr viel mit Gefühl zu tun.
Sven Gächter

Früher, in den guten alten Radiozeiten, hieß der DJ noch Discjockey und war nichts weiter als ein Plattenaufleger. Brav und routinemäßig brachte er seine Scheiben in Anschlag, eine nach der anderen, und um die unvermeidlichen Pausen dazwischen zu füllen, sprach er ein paar launige Sätze zu der Musik, die er gerade gespielt hatte oder im Begriff war zu spielen. Eine Kunst war das nicht, aber das erwartete auch niemand. Der Discjockey war ein besserer Handlanger, dessen Fingerfertigkeiten sich darauf zu beschränken hatten, den Startknopf am Plattenspieler rechtzeitig zu betätigen.
So ging das Jahrzehnte lang anstandslos, bis in den späten siebziger Jahren in der Bronx einige junge Party-DJs mit so swingenden Namen wie Kool DJ Herc, Afrika Bambaataa oder Grandmaster Flash entdeckten, dass es nicht nur um die Musik auf den Platten selbst ging, sondern auch um den neuralgischen Zeitraum zwischen den Platten - und darum, wie man ihn, statt mit Worten, mit Beats überbrückte, möglichst nahtlos und synchron. Alles, was man brauchte, waren zwei Plattenspieler, ein Mischpult und die nötigen "skills".
Grandmaster Flash( der zu Beginn der achtziger Jahre mit The Furious Five und dem Rap-Hit "The Message" HipHop-Geschichte schreiben sollte) kann als der erste DJ im neuzeitlichen Sinn bezeichnet werden. Er trieb die Mix-Kunst zu einer bis dahin nicht gekannten Perfektion und etablierte außerdem eine völlig neue Technik im DJ-Repertoire: das Scratching - die Platte wurde von Hand rhythmisch vor- und zurückbewegt, was ein charakteristisches Kratz-Geräusch( scratching) ergab. Diese Tricks erlaubten es, ein DJ-Set gleichsam als durchlaufenden Teppich anzulegen, ins Endlose zu dehnen. Das leidige Problem der Kunstpause war gelöst, und die Lösung schuf einen kreativen Mehrwert, durch den der DJ zum potenziellen Musiker avancierte.

So spektakulär waren diese Innovationen, dass ihre Fama bald bis in die österreichischen Wohnzimmer drang. Zu Beginn der achtziger Jahre strahlte das ORF-Jugendmagazin "Ohne Maulkorb" einen kurzen Beitrag über das neue DJ-Phänomen aus New York aus. In Wien Erdberg saß der 13-jährige Stefan Biedermann mit großen Augen und offenem Mund vor dem Fernseher und war restlos elektrisiert. Er ging ins Nebenzimmer, wo sein älterer Bruder zwei Technics-Plattenspieler und ein Mischpult auf dem Bügelbrett der Mutter arrangiert hatte, und begann, "wie blöd" zu üben: mixing, scratching, crossfading, back-spinning. "Ich war Autodidakt", erzählt er, "weil es keinen gab, der es mir hätte zeigen können. Das war eine echt detektivische Arbeit."Sechs Jahre hörte er nicht auf zu üben, täglich vier, fünf Stunden lang, und als er, quasi nebenbei, die Matura bestanden hatte, war er ein promovierter DJ, dem nur noch zwei Dinge fehlten: ein griffiger Name und ein staunendes Publikum.
Stefan Biedermann nannte sich DSL: D wie DJ, S wie super, L wie leiwand. In diesem Kürzel waren Größe und Wahnsinn, Schmäh und Weltläufigkeit zugleich angelegt: "Leiwand" ist in DSLs Sprachgebrauch ein Prädikat, das die Spreu vom Weizen trennt; es geht, im Leben wie in der Musik, letztlich nur um das, was leiwand ist - der Rest ist irrelevant. Und "super leiwand" ist überhaupt das höchste aller Gefühle, das Erstrebenswerte und Ewige schlechthin. DJ Super Leiwand steht deshalb nicht für eine selbstherrliche Anmaßung, sondern für den unbedingten Anspruch, dem Erdberger Lebensgefühl der leiwandness eine musikalische Form zu geben.
Die Form ist HipHop, jenes schwarzamerikanische Idiom, das sich über Beats, Samples, Loops, kurz: Grooves definiert. DSL verbrachte einen guten Teil seiner Jugend in einem Kinderzimmer im dritten Wiener Gemeindebezirk damit, dieses Idiom und dessen konstitutive Techniken aufzusaugen, und als er sie schließlich im Schlaf beherrschte, ging er damit an die Öffentlichkeit. Man schrieb die späten Achtziger. Binnen kurzer Zeit waren DSL und seine traumwandlerische Virtuosität an den Turntables in Wiener Szenekreisen Stadtgespräch.
Bald legte er drei-, viermal pro Woche auf, gewann zweimal in Folge den österreichischen DJ-Wettbewerb DMC und durfte dafür zur DJ-Weltmeisterschaft nach London reisen. "Ich war unpackbar nervös und habe so gezittert, dass ich kaum die Nadel halten konnte." Er erregte trotzdem Aufsehen. Seinen ersten dokumentierten Auftritt hatte DSL als Gast-Scratcher auf der Hitsingle "Edelweiß" von seinem Bruder Klaus, der rund zehn Jahre später als einer der Produzenten von DJ Ötzi österreichische Trash-Geschichte schreiben sollte. "DJ Ötzi ist total leiwand", sagt DSL und grinst.

Man muss sich DJ DSL als einen maximal entspannten Menschen vorstellen: groß, fast zwei Meter lang, schlaksig, um nicht zu sagen: dürr, und beseelt von einer stoischen Ruhe. Keiner, der viel Aufhebens von sich macht. Er redet wenig, nur das Allernötigste, aber das mit charakteristischem Erdberger Zungenschlag und staubtrockenem Schmäh.
Und auch wenn er sich hinter die Plattenspieler stellt, verzieht DSL keine Miene. Völlig ungerührt steht er da, fast steif, während er die geschmeidigsten Mixes aus dem Ärmel schüttelt und mit seinen langen Fingern über die Platten streicht, als wären es die britischen Kronjuwelen. DSL hat dem magic touch gleichsam einen neuen Dreh verpasst.
DSLs DJ-Sets sind legendär. Er soll auch schon Abende mit nicht mehr als vier Platten bestritten haben( zwei davon identisch), indem er sie so virtuos immer neu ineinander mixte, dass selbst den wenigen, die merkten dass sie stundenlang dieselben drei Nummern hörten, keine Sekunde langweilig wurde. Er soll nach einem achtstündigen Set schon über den Plattenspielern eingeschlafen sein. Und er soll, berichten Augenzeugen bis heute ganz andächtig, in Wien vor Jahren einmal als Vorprogramm für den japanischen Star-DJ Krush engagiert gewesen sein und diesen mit seinen Skills so nachhaltig verstört haben, dass er nachher kaum noch auflegen konnte.

Um den DJ wurde im Popdiskurs der neunziger Jahre ein fast hysterischer Kult betrieben. Er habe den klassischen Popstar als Identifikationsfigur abgelöst; er sei kraft seiner mixtechnischen Fähigkeiten als ein Musiker/Künstler sui generis zu respektieren; er nehme durch die freihändige Grandezza, mit der er vorgefertigtes Material in Echtzeit neu arrangierte, faktisch die Rolle eines Autors ein. Tatsächlich haben nur wenige DJs diesen Status kreativer Souveränität erreicht - DSL ist einer davon.
Mittlerweile ist er 33 und legt seit knapp 15 Jahren hauptberuflich Platten auf, von einer einjährigen Zivildiener-Karenz abgesehen. In ganz Europa ist er aufgetreten, hat Tausende von Menschen in großen und kleinen Clubs mit seinen Grooves zum Tanzen gebracht. Das deutsche Popmagazin "Spex" kürte ihn mehrmals zum besten DJ des Kontinents. Und doch hat er, bis auf eine Handvoll Remixes auf kleinen Labels, noch keine reguläre Platte unter seinem Namen veröffentlicht. Warum eigentlich? "Weil mich nie einer gefragt hat", sagt DSL schulterzuckend. Sein alter Freund Peter Kruder, mit dem er Ende der achtziger Jahre kurzzeitig in der Wiener HipHop-Formation The Moreaus zugange war, fragte ihn schließlich. Und so erscheint auf G-Stone, dem Label von Kruder & Dorfmeister, im November 2002, zwanzig Jahre nach seiner HipHop-Initation, die erste CD von DJ DSL: kurz und programmatisch "#1" betitelt.
Die Platte ist schon deshalb ein Ereignis, weil sie so lange auf sich hat warten lassen - vor allem aber, weil sie einen Spirit beschwört, der dem HipHop in den letzten zehn Jahren, der Dekade seiner konsequenten Kommerzialisierung, abhanden gekommen ist. Das zentrale Merkmal der DSL-Grooves ist jene Wärme, die man noch von den wegweisenden HipHop-Alben der späten Achtziger - A Tribe Called Quest, De La Soul, Jungle Brothers - in den Ohren hat. DSL treibt keinerlei effekthascherischen Aufwand, sein Zugang ist streng funktional: Wie kreiert man mit den einfachsten Mitteln den geschmeidigsten Flow? So legt DSL seine unvergleichlichen DJ-Sets an, und so baut er am Computer auch seine Tracks, mit ein paar Samples, ein paar Beats und einem seismografischen Gespür für das, was DSL "grooven wie die Hölle" nennt.
"#1" ist ein durchaus altmodisches Album, das in seiner weichen, zurückgelehnten Attidüde die auf den kraftmeierischen Stil von Eminem & Co. eingeschworene HipHop-Fangemeinde eher ratlos zurücklassen dürfte. DSL bekennt sich unverhohlen zu diesem Anachronismus: "Ich will den neuesten Entwicklungen nicht hinterher rennen. Es hat einen Punkt gegeben, wo sich etwas in mein Hirn und mein Empfinden eingebrannt hat - und das ist meine Substanz. Bei Musik, die leiwand ist, muss es völlig wurscht sein, wann sie entstanden ist, sie muss zeitlos dastehen. Um dieses Feeling bemühe ich mich."

Die Entstehungszeit der Tracks auf "#1" umspannt 14 Jahre, von der quasi noch handgeklebten Miniatur "Terramonte Swing" aus dem Jahr 1988 bis zum spartanischen Funk-Exerzitium "Lovesick"( 2002). Auf "Happy Bear" schmuggelt DSL die Melodie von "Popcorn", dem ersten vollelektronischen Pophit aus den frühen siebziger Jahren, diskret in sein Arrangement, auf "Liebeslied Version #3" zerlegt er den gleichnamigen HipHop-Hit von Absolute Beginner in seine Bestandteile und baut ihn seelenruhig wieder zusammen; und weil ihm nicht nur bei den Sounds jede Prätention fremd ist, betitelt er Nummern auch schon mal schlicht und charmant mit "Neu, 6 Min." oder "Beats für die Party".
Ein DSL-Original fehlt auf "#1", die augenzwinkernde und fett groovende Hommage an Österreichs legendärste Nummer 9: "Anton Polster, du bist leiwand". DSL spielte sie 1997 ein, in seiner Doppelfunktion als DJ/Produzent und Präsident des Toni-Polster-Fanclubs Erdberg. So erwies ein großer Erdberger dem anderen kongenial Reverenz und reihte sich damit selbstbewusst in die Galerie der GEÖs, der größten Erdberger Österreichs, unmittelbar neben Thomas Klestil, Joe Zawinul und Toni Polster. Mit Zawinul teilt DSL die weltläufige Musikalität und mit Polster den extratrockenen Schmäh( mit Klestil aller Wahrscheinlichkeit nach nichts).
Der Fanclub wurde nach dem Ende von Polsters Laufbahn als aktiver Fußballer aufgelöst, und DSL lebt mittlerweile in Hamburg, mit seiner Frau Svenja und Töchterchen Emma. Alle paar Wochen kommt er nach Wien, um aufzulegen, mit alten Freunden im Kaffeehaus abzuhängen und seine geliebten Falk-Zigaretten zu rauchen - kurz: um es leiwand zu haben. In Hamburg, gleich um die Ecke von seiner Wohnung, erzählt DSL, gibt es einen Club, in dessen Aushang seit Monaten ein kleines, schäbiges Plakat hängt: "Party mit DJ". Das ist die ganze Message. DSL war noch nie in dem Club, aber irgendwie hat er das Gefühl, "die haben verstanden, worum es geht".

created: 11/04/2002 by webmaster

© Copyright 2000-2007 G-Stone Recordings