Sie haben so gute Laune, worüber freuen Sie sich? Peter Kruder Wir fahren nächste Woche nach Las Vegas... Richard Dorfmeister ...und vielleicht dürfen wir anstelle von Siegfried und Roy auftreten. PK Aber vorher wollen wir uns noch ein bisserl entspannen. RD ...und dann machen wir die beste Tiger-Show der Welt. In Las Vegas! PK ...aber später müssen wir wieder ein bisserl entspannen. Hört sich gut an. Dauern Ihre Remixe so lange, weil Sie sich nach der Arbeit immer wieder entspannen müssen? PK Wieso lange? An ihrem letzten Remix für Madonna haben Sie doch fünf Wochen gearbeitet. RD Das liegt an ihm. Weil der ist noch viel akribischer als ich. PK Mh, stimmt. Ich bin noch ärger. Ich brauche eben immer etwas länger, bis ich zufrieden bin. Sie sind wohl nicht schnell zufrieden? RD Aber irgendwann gibt es schon einen Punkt, wo wir beide sagen: "Das ist jetzt in Ordnung, das ist komplett, da stimmt jeder Ton." Dieser winzig kleine Moment, wo man zufrieden ist, vielleicht sogar ein wenig stolz. Sie haben U2 oder David Bowie Absagen erteilt. Madonna hingegen bekam von Ihnen sofort eine Zusage. Was muß ein Lied haben, damit Sie es remixen? RD Es muß berühren. Oder den Moment erfüllen. Erklären Sie das, bitte. RD Wenn ich schlecht gelaunt bin und mir dann eine wilde, böse Jungle-Platte anhöre, dann erfüllt die für mich den Moment. Total. Und das ist dann ein gutes Lied. Und was lassen Sie davon übrig, wenn Sie es remixen? PK Nur die Vocals. RD Nichts bleibt, wie es war. PK Wir übernehmen keine Sounds vom Original. Oder nur sehr selten. Höchstens subliminale Sachen, aber nie tragende Sounds. Sie sind als Remixer nur bedingt die Urheber des Liedes. Die Ursprungsidee stammt immer von jemand anderem. Fehlt Ihnen da nicht etwas, auf Dauer? PK Die Ursprungsidee zählt nicht. Jedenfalls nicht für uns. Wir machen aus dem Lied etwas ganz anderes, etwas äquivalent Gutes. RD Es ist schon wahr, daß etwas fehlt, wenn ich ganz ehrlich bin. Ganz dein Track, das ist schon besser. Man muß allerdings immer wieder sagen: Das auf der neuen Platte sind schon unsere Tracks, obwohl sie eine andere Entstehungsgeschichte haben. Ich denke, wir geben bei unseren Remixen von uns einfach mehr ab als andere. Trotzdem haben Sie seit Ihrem Debüt "G-Stoned" vor vier Jahren kein Album mit neuen Originaltracks veröffentlicht. RD Wir werden halt nicht fertig damit. PK Außerdem sind wir keine Songschreiber im klassischen Sinne. RD Obwohl, früher habe ich das schon gemacht. Gute Songs schreiben, das ist das Schwerste überhaupt. Wie haben sich Ihre Lieder denn damals angehört, Herr Dorfmeister? RD Schwer zu beschreiben. Ich war Gitarrist in einer Gruppe, und einmal haben wir einen Song geschrieben, der hieß "Where Shall I Turn?". Da ging es eben darum: "Wohin soll ich mich bloß wenden, wenn"s mir so schlecht geht?". Das alte Blues-Thema also. PK Genau! RD Wieso genau? PK Ich weiß jetzt, was wir machen. Wir machen immer noch Blues. Nur modern. Wie soll sich denn moderne Musik anhören? PK Was wir machen, wird irgendwann verschwinden. Durch die Technologie hat sich das Hören verändert und wird es in der Zukunft weiter tun. Wenn man hundert Jahre zurückblickt, da gab es zum Beispiel die Klassik, eine Musik, die über hunderttausende von Notenbögen gespannt ist, die irrsinnig ausgeführt und ausgeschmückt ist. Fünfzig Jahre später wiederum kam die Weiterentwicklung: Rock"n"Roll, eine Musik, die auf relativ monotonen Tonwiederholungen aufgebaut ist. Diese Entkomplizierung wird sich fortsetzen. Und Musik, wie wir sie machen, also Musik, die harmonisch klingt, die perfekt klingt, die kann es irgendwann gar nicht mehr geben. Es entsteht gerade ein komplett neues Verständnis für Harmonie. Das merkt man ja jetzt schon. Beim Techno total. Nur noch Sounds, auf die Harmonie kommt es bald gar nicht mehr an. In Ihren Produktionen ist auffällig, wieviel Sentiment Sie der Bassline zuschreiben. Haben Sie Bässe schon immer gemocht, oder geschieht das aus Versehen? RD Ich habe immer nur auf die Gitarren gehört, ich war ja Gitarrist. PK Vor drei, vier Jahren hatte ich ein sehr spezielles Baßerlebnis. Das war sicher nicht der Zeitpunkt, wo ich den Baß für mich entdeckt hätte, aber es war eine legendäre Nacht. Erzählen Sie, bitte. PK Wir waren in London im Speed Club, zur Zeit der ersten Jungle-Welle in England. Fabio und Bukem haben aufgelegt, und der Sound, den die in diesem Club hatten, hatte einen unfaßbaren Baß. Immer, wenn ich zu dicht an den Boxen stand, zitterten meine Nasenflügel. So: Zzz Zzz Zzz. Es geht die Legende, daß manche Leute im "Metalheadz" Nasenbluten bekommen haben, weil die Bässe so massiv waren. PK Echt? RD Es geht die Legende, Peter. PK Ich jedenfalls bekomme Nasenflattern. Die ganze Nacht - dieses Zzz Zzz Zzz. Am Anfang ist das noch komisch, aber irgendwann wird es echt unangenehm. In dieser Nacht in London habe ich zum erstenmal sechs Stunden ununterbrochen Drum&Bass gehört. Haben Sie auch getanzt? PK Und wie. Ich war mit dem Rob Galliano (Anm.d.Aut.: MC und Gründer der Band Galliano) dort. Jedesmal, wenn der Baß kam, mußten wir beide grinsen. Und tanzen. Wenn Sie selber DJen, legen Sie dann zum Tanzen auf, oder sollen die Leute lieber zuhören, wie bei einem Konzert? PK Zuhören. RD Tanzen. PK Beides. RD Einmal, da haben sich zwar alle gefreut, aber niemand wollte tanzen. Da haben wir dann eine Durchsage gemacht: "Der erste, der jetzt zum Tanzen auf die Tanzfläche kommt, der kriegt von uns einen Release:" Und wooosssshh. Wie die wahnsinnigen Kühe zum Trog -allemann haben getanzt. Das war witzig, weil es Kommunikation war, und es hat funktioniert. PK Früher, somit 17,18, war ich der ärgste Tänzer in Wien. Stundenlang, nächtelang habe ich getanzt. Irgendwann habe ich dann angefangen, Musik zu analysieren. Dadurch ist bei mir die Tanzmotivation eher in den Hintergrund gerückt. Heute tanze ich nur noch selten. Schade. PK Ja. Das Dilemma ist: Man kann uns nur noch schwer mit einem Sound überraschen. Ich erinnere mich, das letzte Mal, wo das geschah, das war in Paris, vor drei Jahren. Ich war in einem Club, in dem ein Typ aus New York aufgelegt hat, Lord J. Der spielte perkussiven Salsa House. Ganz arg. Latino House mit Original-Latino-Platten gemixt, irre gut vermischt. Das war phänomenal. RD Ich sollte wieder mehr tanzen. Echt. PK Weißt, das Geheimnis ist, daß man von hinten erwischt wird. Man darf damit einfach nicht rechnen. RD Du nicht. Okay, paß auf, wir üben das jetzt wieder. Ich leg auf, und Du, Du stellst Dich da vor mich hin, und ich mach Animation. PK Jetzt machst Du Dich lustig. RD Los, tanz! PK Ha. Ha. RD Mal im Ernst, ich bin zwar jetzt nicht der Super-MC, also der mit der Hammer-Ragga-Stimme, aber manchmal macht das Reden schon Sinn. PK Wenn Du redest, meinst Du? RD Manchmal, da reicht es schon, wenn man einfach nur "Hallo" sagt, bevor man auflegt. Es ist zumindest höflich. PK Und wie. Als wir das letzte Mal im Mojo Club in Hamburg aufgelegt haben, da hat der Richard gesagt: "Hallo, Hamburg. Schöne Grüße aus Wien." Und es war auf einmal so eine unfaßbar nette Stimmung im Raum. Alle Leute haben gesagt: "Heeey. Das war extrem nett." Weil sie es wohl nicht erwartet haben, daß da einer was sagt, und dann noch auf deutsch. RD Das kann aber auch schiefgehen. Unser Freund Erdem, der hat mal in München oder irgendwo aufgelegt, und gesagt: "Hey, it"s really good to be here in Stuttgart." Sie sind wohl viel unterwegs. RD Im Grunde sind wir seit fünf Jahren auf Tour. PK Länger als Rockbands. Hören Sie Ihre Lieder auch beim Autofahren? PK Oh, ja. Ich habe ein sehr nettes Soundsystem in meinem Wagen: Subwoofer, mehrere Speakers und einen großen Amp. Können Sie das präzisieren? PK Wie, in Marken? In Watt vielleicht? PK Watt? Nee. Meine Anlage ist nicht auf Leistung ausgelegt. Es gibt da bei den Autofahrern zwei Kategorien: Einmal die, die protzen wollen. Und dann die, die hören wollen. Ich will hören. Was für einen Wagen fahren Sie denn? PK Ich habe einen 635er BMW, ein Coupé, ein schickes 80er-Jahre-Auto. Das war früher der Traum eines jedes Mechanikers. Damit sind Sie bestimmt schon lange unterwegs. PK Nein, erst seit drei Monaten ist das so, das mit dem Auto und mir. Weil ich habe erst letztes Jahr den Führerschein gemacht. RD lacht PK Ich war ewiger Präsident der führerscheinlosen Männer. Und dann nach meinem Dreißigsten habe ich es einfach getan. Eine meiner Hauptmotivationen war, eine Anlage im Auto zu haben. Der Komfort selbst, das Herumfahren, konnte ich immer mit einem Taxi tun. Das war sogar billiger, und außerdem ist es bequemer. Und Sie, Herr Dorfmeister? RD Ich fahre schon seit Jahren Auto, ich bin da etwas abgebrühter. Geht Ihnen diese Reiserei nicht langsam auf die Nerven? Sie sind ja kaum noch in Wien. RD Es wäre vielleicht nicht unklug, sich von dieser DJerei für längere Zeit mal rigoros zu lösen. Einfach eine Zeitlang überhaupt nicht mehr aufzulegen. Würden Sie dann ihre Sessions live performen, oder würden Sie Urlaub machen? RD Konzert wäre das falsche Wort. PK Urlaub aber auch. RD Wir werden wohl immer auflegen. Bis wir Opis sind. Was spricht denn gegen ein Kruder&Dorfmeister-Konzert? RD Wir sind jetzt in der ganzen Welt herumgekommen, aber in Wirklichkeit haben wir immer noch unsere kleinen Studios, nur eben etwas erweitert. Wir machen immer noch alles selbst. Das Popding ist einfach nicht unsere Welt. Wir wollen da bleiben, wo wir hingehören, in der Musikecke. PK Natürlich könnten wir das Popding heraushängen lassen. RD Wir könnten das alles noch viel mehr aufblasen, eine Riesentour durch Amerika auf die Beine stellen, wenn wir wollten. Und warum machen Sie es nicht? RD Weil ich mir gar nicht so sicher bin, ob wir das so in der Form überhaupt wollen. PK Neulich haben wir irgendwo aufgelegt. Der Richard hat ziemlich lange gemacht, so bis fünf oder sechs Uhr morgens. Am Ende spielte er nur noch Tracks von uns. Ich weiß noch, Du hast "Deep Shit" aufgelegt, und ich hatte diese Vision. Ich konnte genau vor mir sehen, wie sich alles zusammenfügen würde. Ich habe die Band gesehen, habe gehört, wie es live klingen würde, und dann habe ich echt gedacht, das wäre doch ein Superexperiment. Irgendwann möchte ich das schon machen. Ich würde nicht ausschließen, daß es uns mal live gibt. Das ist eigentlich ein gutes Schlußwort. PK Ein neues Ziel. Genauso, wie es jetzt unser Ziel war, diese CD zu machen, dann einen Film und... RD ...deswegen lieben wir unsere Plattenfirma. Denen macht das gar nichts aus, wenn wir anrufen und sagen: "Hey, wir brauchen noch drei Wochen länger." PK Komm, die kriegen schon ihren Nervenzusammenbruch. RD Ja, weil sie wissen, daß Du in drei Wochen wieder anrufst, weil Du immer noch nicht fertig bist. Sie arbeiten als Remixer und als DJs, haben eigene Tracks veröffentlicht, planen einen Film und träumen von Tiger-Shows. Als was bezeichnen Sie Kruder und Dorfmeister denn? Sind Sie nun Musiker, Remixer, DJs, Entertainer oder was? PK Gute Frage. Ich würde sagen, wir sind Musikkünstler. RD Wir sind Wiener Würstchen. |