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DADDY UND DIE DISCOKUGEL  
05/05/2004 - der falter 19/2004
Rodney Hunter war schon als Kind mit Peter Kruder befreundet und spielte als Halbwüchsiger bei der bösen Mordbuben AG. Heute ist er eine der prägenden Figuren der heimischen HipHop- und Elektronik-Szene. Jetzt bringt der US-Wiener sein erstes Soloalbum heraus.
Gerhard Stöger

Rodney Hunter erwartet den Falter im Kaffeehaus; eine nicht wirklich zum dunklen Anzug passende Kappe repräsentiert den HipHopper in ihm. Für den Wien-Elektroniker muss der Ort des Interviews als Beitrag zur Klischeepflege genügen, denn die sprichwörtliche Gemütlichkeit dieser Szene hat in den nächsten vierzig Minuten keinen Platz. Hunter ist zwar grundsätzlich ein sehr entspannter Typ; die zu Gesprächsbeginn bestellte Fritattensuppe findet aber erst lauwarm Beachtung, nachdem er mit ausgeprägtem Selbstvertrauen und charmantem Hang zur Ausschmückung aus einem Leben erzählt hat, das seit frühester Kindheit von Musik geprägt ist.

Ausgelöst wurde diese Leidenschaft schon im Elternhaus. Sein um zehn Jahre älterer Bruder spielte einst auf der Gitarre zu den neuesten Blondie-Platten und pflanzte damit bereits im Volksschulalter "Musiker" als einzig erstrebenswerten Berufswunsch in Rodneys Herz ein. Obendrein rotierten auf Papas Plattenspieler regelmäßig erlesene Soul- und Funkplatten - neben seinem Brotjob bei der US-Army arbeitete Hunter senior in den Siebzigern auch als Discjockey. "Die Initialzündung war dann, als mein Dad mich eines Tages in den Club mitgenommen hat", erinnert sich der 32-Jährige.

Weil der junge Partyzaungast noch zu klein war, um übers DJ-Pult schauen zu können, wurde sein Blickfeld von einer glitzernden Discokugel und seinem die Party rockenden Daddy geprägt - eine Erinnerung, die noch heute für glänzende Augen sorgt. "Wie er da mit dem Mikrofon einen auf Kurtis Blow machte und nebenbei James Brown und Chic droppte, war der ärgste Kick für mich - auch ohne vom Publikum etwas mitzubekommen."

Anfang der Achtziger übersiedelten die Hunters von den USA in die Heimatstadt der Mutter nach Wien, wo Rodney im Nachbarsbuben einen gleichgesinnten Musikfreak fand. Sein Name: Peter Kruder. Öffentlich ist Hunter junior erstmals mit 14 als Bassist der unter anderem durch einen zwischenzeitlichen Gefängnisaufenthalt ihres Kopfes Fredi Fender legendären Rockkombo Mordbuben AG aufgetreten. So lange die Schule nicht drunter litt, hatten die Eltern nichts gegen die ungewöhnliche Freizeitgestaltung ihres Sohnes - und solange sein Bass ordentlich krachte, war es den restlichen Mordbuben egal, dass da beinahe noch ein Kind mit ihnen auf der Bühne stand. "Glücklicherweise habe ich in dem Alter nicht wirklich mitbekommen, was die alles angestellt haben", erinnert sich Hunter. "Eigentlich war das ja die totale Härte, und heutzutage ist das gar nicht mehr denkbar, dass man ein Kind mit solchen Verrückten herumziehen lässt. Damals war's aber natürlich super!"

Nach einem Jahr mit der Mordbuben AG zog Hunter sich wieder mit Peter Kruder zu Kassettenaufnahmen ins Kinderzimmer zurück. Aus diesem "Original Bedroom Rockers"-Duo gingen schließlich die legendären Moreaus hervor, die wichtigste Keimzelle der Wiener HipHop- und Elektronikszene. 1988 debütierte der bunte Haufen um Kruder, Hunter und Martin Forster alias Sugar B (den späteren Mitbetreiber des montäglichen Dub Clubs im Flex) noch unter dem leicht sperrigen Namen Dr. Moreau's Creatures mit einer auf 300 Stück limitierten Vinylsingle. Sie hieß "... And Everything Changed to Gold" und klang im Kern zwar nach einer pubertären Form überdrehter Countryrock-Comedy, brachte der Gruppe aber Ö3-Airplay, Beiträge im damaligen ORF-Jugendfernsehen und einen gut dotierten Majorplattenvertrag ein. "Frühe Singles wie ‚Neanderthal Man' zeigen, dass wir offensichtlich einen Hang zum Wahnsinn hatten", lacht Hunter. "Eine Zeit lang war uns nichts zu peinlich, so lange es nur lustig war."

Bis zum Album "Swound Vibes" hatten die Moreaus nicht nur ihren Namen und ihre endgültige Quartettbesetzung - mit Stefan Biedermann alias DJ DSL - gefunden; sie hatten innerhalb von nicht einmal zwei Jahren auch einen künstlerischen Quantensprung gemacht und sich zur österreichischen Version der Beastie Boys entwickelt. Möglich wurde der Wandel durch die technologische Entwicklung dieser Tage: Hatten Hunter & Co anfangs noch alles mit analogem Instrumentarium eingespielt, öffnete der erste Sampler völlig neue Welten.

Dass man mit diesem Wunderkästchen auch "Loops" - also die zu Endlosschleifen ausgebaute Sequenz einer Aufnahme als Grundlage für ein neues Stück - von anderen Platten nehmen könnte, war den Moreaus anfangs noch unklar: "Wir haben eher nach Sätzen oder bestimmten Statements gesucht und die Musik nach wie vor selber gemacht. Irgendwann sind wir draufgekommen, dass Samples im Sinne von Loops total leiwand klingen, und ab dem Zeitpunkt ist es rund gegangen. Ich habe meinem Vater schnell mal zweitausend Platten abgeluchst, die anderen haben auch ihre Sammlungen ins Studio gekarrt, und dann wurde alles gesampelt, was nicht niet- und nagelfest war."
Kommerziell ist die Rechnung damals nicht wirklich aufgegangen; die Moreaus sind in dieser Hinsicht das heimische Paradebeispiel einer Band, die ihrer Zeit deutlich voraus war. Ihre Auflösung hatte 1991 aber weit praktischere Gründe: "Weil uns die Geräte fehlten, konnten wir immer nur einzeln im Studio arbeiten. Jeder von uns hätte aber am liebsten 24 Stunden am Tag gerockt, und da sind wir uns mehr oder weniger im Weg gesessen." Tatsächlich wurde das Ende der Moreaus zum Auftakt für den Boom des so genannten Vienna Sounds: Peter Kruder gründete mit Richard Dorfmeister das Label G-Stone; als Debütveröffentlichung produzierten sie 1993 die vier Tracks der "G-Stoned"-EP und avancierten in der Folge schnell zu DJ- und Remixpopstars. DJ DSL entwickelte sich zum besten HipHop-DJ Europas, Sugar B reüssierte als MC und Clubbetreiber.

Rodney Hunter selbst gründete mit dem Musicbox- und FM4-Radiomacher Werner Geier das bis 1999 bestehende Label und Produzentenduo Uptight. Bereits mit ihrer ersten gemeinsamen Arbeit schufen die beiden einen Klassiker seelenvoller Clubmusik: Leena Conquestes "Boundaries" fand sich weltweit in DJ-Kisten und auf CD-Compilations wieder und öffnete Uptight die Tür zu einer Welt, die von Acts wie den britischen Stereo MCs oder der amerikanischen Thievery Corporation bewohnt wurde.
Nebenbei agierte Hunter auch als Produzent und Live-DJ der bis heute bestehenden Wiener HipHop-Formation Aphrodelics, die einst vor allem durch ihren Traum von der Weltkarriere für Aufsehen sorgten. Glaubt man Hunters Ausführungen, sind die "Aphros" aber tatsächlich nur knapp am ganz großen Ding vorbeigeschrammt. So berichtet er von zwei konkreten Angeboten US-amerikanischer Plattenfirmen und einer persönlichen Einladung Puff Daddys, der die Wiener gerne für sein Bad-Boy-Label gesigned hätte. Mangelnde Flexbilität ihrer Plattenfirma habe letztlich die hochtrabenden Pläne durchkreuzt.

Dass sich große Plattenfirmen nicht unbedingt durch ihre Beweglichkeit auszeichnen, sollte Hunter in einem ganz anderen Zusammenhang noch einmal erfahren: Im Duo mit Stefan Mörth alias Stereotyp produzierte er "Stars in Your Eyes", die zum Hit gewordene Signation zur ersten Staffel der ORF-Castingpopshow "Starmania". "Es gab eine Ausschreibung, und wir haben zum Spaß mitgemacht", erzählt Hunter, der seit einiger Zeit in Berlin lebt und nur zwei- bis dreimal monatlich nach Wien reist, um im Volksgarten beim freitäglichen HipHop- und R-'n'-B-Club "The Pump" aufzulegen. "Wir haben einfach drei damals aktuelle US-Top-Hits zusammengemischt und ein neues Stück daraus gebastelt. Letztlich wurde das tatsächlich aus den rund zwanzig Einsendungen ausgewählt. Der Tune selbst ist aber eh ziemlich gut - unsere Freunde reagierten jedenfalls durchwegs positiv amüsiert." Weniger amüsant war die weitere "Starmania"-Entwicklung, die für modernen, an US-
R-'n'-B angelehnten Pop keinen Platz bot: "Die ‚Starmania'-Leute waren international leider ziemlich unerfahren und haben gleichzeitig versucht, einen auf Experte zu machen - was natürlich eine ganz schlechte Kombination ist."

Sein in aller Bescheidenheit "Hunter Files" betiteltes Solodebüt hat Rodney Hunter knapp zwei Jahre Arbeitszeit gekostet, was auch für eine längere Auszeit der Aphrodelics sorgte (ein neues Album ist jetzt für Herbst avisiert). In gewisser Weise markiert "Hunter Files" eine Rückkehr zur organischen analogen Produktion; der gelernte Schlagzeuger und Bassist hat alle Instrumente selbst manuell eingespielt. Das von der Plattenfirma mit den Genreschubladen "Groove", "Nujazz" und "Downtempo" versehene und vom Künstler selbst als "moderner, schöner Funk oder Soul" klassifizierte Ergebnis ist auch außerhalb des Clubs als gesamtes Album sehr gut hörbar. Die bei aller Eleganz doch auch unter der Oberfläche interessanten Tracks sind dabei bewusst so angelegt, dass sie auch "unplugged" von einer kleinen Bluesband gespielt werden könnten; der Computer selbst diente nur als Aufzeichnungsmedium, nicht aber als
Soundquelle.

"Jeder Bürofuzzi behauptet heute, ein Produzent zu sein", bemerkt Hunter zur Unmenge an Elektronikveröffentlichungen der letzten Jahre. "Niemand muss sich mehr groß bemühen, da ausgefeilte Programme ohnehin schon Unmengen an Sounds für dich bereit halten." Zukunft habe das aber keine, meint Hunter, der solche Instant-Produktionen auch nicht als unmittelbare Konkurrenz versteht: "Man hört doch, wer das wegen eines Trends macht und bei wem die Liebe zur Musik im Vordergrund steht. Letztlich setzt sich Qualität durch, denn wir laufen ja nach wie vor alle lieber mit Nikes herum als mit Turnschuhen von Mondo - und wer die Wahl hat, wird auch nach wie vor eher die Nikes nehmen."

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