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HIP HOP MINUS NEUROSEN  
10/11/2002 - thegap 044
An der Frequenz seines Outputs kann es kaum liegen, dass DJ DSL von Kollegen auffallend häufig als der "Grandfather" der Wiener DJ-Szene bezeichnet wird. Immerhin ließ er sich mit seinem ersten Longplayer Zeit bis - jetzt. Gleich vorweg: 16 Jahre Warten haben sich ausgezahlt.
Text: Richard Pettauer

2002, Hamburg City, Stefan Biedermann presents: "#1". Presents aber nicht proudly, sondern eher still und zurückhaltend, wie der Protagonist dieser Geschichte generell nur ein halber HipHopper ist. Denn Szene-immanentes-Posing nervt ihn so sehr, dass er das Auflegen bei HipHop-Jams aufgegeben hat. Das ist vermutlich auch gut so, für alle Beteiligten. Denn DJ DSL kann mit Battle-Kultur genauso wenig anfangen wie die Fans harter, aggressiver Beats einen Anknüpfungspunkt an den ihm ganz eigenen Mellow-Flow finden dürften.

Wer ist der Mann, dessen DJ-Pseudonym den feinsten Connaisseuren elaborierter Beats einen Schauer der Ehrfurcht ins Gesicht zaubert? Warum bezeichnen ihn Kollegen der schreibenden Zunft als "wohl besten HipHop-DJ Kontinental-Europas", während er vom breiten Mainstream der deutschen Sprechgesangsszene kaum wahrgenommen wird? Eine mögliche Erklärung zum Phänomen DSL: Der Mann ist mit seinen Fans älter geworden. Hat in den 16 Jahren, in denen er als DJ und Produzent aktiv war, eine musikalische Entwicklung durchgemacht, die vor allem auf eine Konstante hinausläuft: die unglaubliche Entspanntheit, mit der Stefan Biedermann ans Werk geht.

"Mein Bruder, der schon vor mir DJ war, nahm mich ab und zu mit in die Clubs, aber ich durfte nie mehr als drei Platten hintereinander spielen, weil jedes Mal die Tanzfläche komplett leer geräumt war. Ich war jung und ambitioniert, aber Scratch-Orgien waren damals wie heute nicht Disco-kompatibel...erst im Laufe der Jahre begann eine langsame Entwicklung, bis ich irgendwann mal auch allein und länger aufgelegt habe. Mittlerweile scratche ich in Clubs fast überhaupt nicht mehr."

Scratchen ohne Maulkorb

Neben dem Bruder, der sehr bald Turntables und einen Mixer zu Hause aufbaute, trifft - wie so oft - ein Teil der Schuld das Fernsehen: "Irgendwann kam in der damaligen ORF-Jugendsendung, "Ohne Maulkorb" war das wohl, ein ganz kurzer Beitrag über die Erfindung des Scratchens in New York. Der Clip dauerte nur wenige Sekunden, hat mich allerdings extrem fasziniert, und ich begann zu Hause nach der Schule jeden Tag sechs, sieben Stunden lang zu üben. Aber ohne meinen Bruder hätte ich dieses aktive Interesse an Musik vielleicht gar nie entdeckt."

DJ DSLs "been there, done that" von 16 langen Jahren erschöpft sich nicht in der Tätigkeit als Club-DJ: Gemeinsam mit Rodney Hunter, inzwischen Produzent der Aphrodelics, Sugar B und Peter Kruder entstand ein Longplayer. "Der floppte fürchterlich, und wir haben"s dann gelassen und etwas anderes gemacht. Außer Rodney sprach außerdem niemand von uns besonders gut englisch, aber wir hatten damals einen Proberaum, wo wir das komplette Album zu viert produzierten."

Nichts gegen Daunenjacken, aber...

Zwischen dem Moreaus( so nannte sich das Quartett damals ) und "#1" liegen Jahre, unzählige legendere Sets, wie jene phonotaktik-Performance, bei der DJ DSL den gesamten Abend mit zwei Platten bestritt. "Ich habe mit diesen Endlosrillen-Platten von DJ Swamp, der immer mit Beck auf Tour ist, aufgelegt. So etwas funktioniert auch nur im phonotaltik-Zusammenhang drei bis vier Stunden lang...in dieser extremen Form", sagt der Meister und definiert seine Mission an den zwei Turntables klar und eindeutig: "Ich suche nach der guten Stimmung. Die Leute sollen eine leiwande Party feiern, und zwar aufgrund der Musik und nicht aufgrund irgendwelchen Geposes in Daunenjacken. Ich hab nichts dagegen nur mir persönlich macht das Auflegen mehr Spaß, wenn ich in einem Club mit gemischtem Publikum bin."

Die uneingeschränkte positive Grundstimmung, die sich wie ein roter Faden durch die lange Liebesbeziehung zwischen DJ DSL und HipHop zieht, stellt die Überlegungen zu Songstruktur und Komposition ganz nach vorn und findet die Spielwiese ihres Perfektionismus in der Reduktion. "Was anderes bleibt mir auch gar nicht übrig - ich bin technisch nicht besonders versiert, das Produzieren ist eher ein Kampf gegen die Maschine. Deshalb klingen meine Tracks so selbstgebastelt. Jede Funktion muß widerwillig erarbeitet werden - ich kenn" auch nur fünf Tricks, und mit denen arbeite ich dann." Da schließt sich der Kreis zum Artwork des Albums, für das der Protagonist ebenfalls selbst verantwortlich ist. Schwarzweiß, reduziert, aber treffend. ""Wenn man mit Kontrast arbeitet, wird die Farbe häufig unnötig - dieser Gedanke einer Reduktion aufs Wesentliche lässt sich schwierig umsetzen, ist für meine Musik aber immens wichtig." Das klingt missverständlich, doch wer an dieser Stelle glaubt, die Kurve zu Mille Plateaux und Clicks-n-Cuts zu kriegen, könnte falscher nicht liegen. Denn: "Ich lege selbst gern reduzierte Platten auf, die trotzdem voller klingen als andere - aber dort, wo die Reduktion als Ergebnis selbst hörbar wird ist sie für mich nicht mehr spannend."

Lowtech-Sound aus Prinzip? Nein, auch das nicht, denn: "Der Sound meiner Platten passiert mir. In welche Richtung die nächsten Tracks gehen, kann ich überhaupt nicht einschätzen - da will ich mich auch nicht festlegen, aber soundtechnisch möchte ich an Qualität zulegen." Die vorher angesprochene inhärente unkitschige good-Vibe-Botschaft des DSL"schen Schaffens scheint indes unabhängig von der äußeren Form zu sein. "Für mich ganz subjektiv ist es ungleich leichter etwas Düsteres zu produzieren - ich mag auch die beeindruckenden Sounds harter Techno- und Metal-Nummern, aber das ist nichts für mich. Wenn ein Track düster klingt, suche ich solange weiter, bis ich eine positive Idee gefunden habe." Das hört man "#1" deutlich an.

Der DSL-Faktor

"#1" umfasst als Debütalbum zwölf Tracks, die einen beachtlichen Zeitraum abdecken: Das älteste Stück wurde bereits 1997 bei Mego veröffentlicht. Trotzdem ist die Platte weit mehr als ein Best-of: Zum einen wurden viele Tracks neu aufpoliert, zum anderen findet sich Unveröffentlichtes, Gesuchtes-und-nie-Gefundenes. Und dann ist da dieser DSL-Faktor, der dazu führt, das die Eject-Taste des CD-Players garantiert für längere Zeit unbenutzt bleibt, wenn sich die liebevoll und perfektionistisch gestalteten Tracks erst einmal ins Hörerohr gegraben haben - aber da ergeht"s dem DJ selbst nicht anders: "Ich sollte das vielleicht nicht sagen, aber manchmal komme ich mir vor wie jemand, der auf einem bestimmten Sound hängen geblieben ist, weil ich immer noch auf die gleichen Beats stehe wie zu Beginn meiner DJ-Laufbahn. Aber andererseits denke ich mir, dass die meisten Beats und Samples im HipHop ja sowieso aus den 70ern stammen."

DJ DSL über die 12 Tracks von "#1"

Warum hast Du "Coming With The Sound" als erstes Stück gewählt?

Der erste Track ist eine neue Version einer alten Mego-B-Seite und ein klassischer Opener. Die neue Version hab ich deshalb gemastered, weil das Stück einerseits ein gutes Intro für die Platte abgibt und andererseits zugleich ein abgeschlossener kleiner Track ist. Nachdem ich fast alle meine Tracks draufgegeben habe, wollte ich das auch noch mal aus der Schublade holen.

Der zweite Track, "Happy Bear", ist ein heißer Ohrwurm-Kandidat.

Eigentlich war das Stück ein Remix für Commercial Break-Up, der vor zwei Jahren erschienen ist. Anscheinend hat davon niemand Notiz genommen - es gab zwar positive Reaktionen, aber keiner wusste, wo die Platte erschienen ist. Der Track ist einer der Gründe, warum Peter Kruder unbedingt wollte, dass ich "#1" bei G-Stone rausbringe, denn er verwendet den Track immer selbst zum Auflegen. Für besseren Sound hab ich ihn neu abgemischt.

"Double Drums" hast Du fürs Peace Orchestra remixed.

Ein Remix fürs Peace Orchestra, der sich extrem hinzog in der Fertigstellung. Ich hab das Stück ausgesucht, und dann im Juli 2001 mit der Arbeit daran begonnen. Fertig war ich im Februar 2002, nach 7 Monaten. Natürlich hab ich nicht an diesem einen Stück so lange gearbeitet, aber es gab vorher ganz andere Entwürfe, die ich dann wieder völlig verwarf.

Perfektionsdrang?

Manchmal funktioniert alles schnell, manchmal brauch ich hundert Jahre für ein Stück. Der Remix, wie er jetzt klingt, entstand im Endeffekt in nur zwei Wochen, aber mit den vorherigen Versionen war ich immer unzufrieden. Wegen dieses Tracks wäre fast meine Ehe in die Brüche gegangen...aber jetzt ist es eines meiner Lieblingsstücke.

"Let Me Talk To You" stammt von den Masters of Illusion - wie ergab sich diese Zusammenarbeit?

Ich hab den Typen getroffen, der die Masters of Illusion in Europa auf Rapter Records veröffentlicht. Er wollte mit mir ins Geschäft kommen und mir einen Verlagsvertrag anbieten - dann kam das Angebot, einen Mix für die Masters zu machen. Kutmasta Kurt hat mir ein E-Mail geschrieben, dass ihm der Track gefällt. Aber das war ja klar, sonst hätte er ihn wohl nicht veröffentlicht.

"Neu, 6Min." fällt mit seinen Vibraphon-Samples ziemlich aus dem Rahmen.

Der Song ist die Umsetzung einer Idee, die ich schon lange hatte - ich wollte ein Stück machen mit dem Vibraphon vom Montana Sextett.

"Beats Für Die Party", Dein Total Chaos-Remix ist der Floorfiller des Albums?

Der TC-Remix ist sicher das brachialste Stück auf der Platte - ich weiß gar nicht, woran das liegt, ist einfach so passiert. Wie gesagt: Die ganzen Tracks sind ja in einem Zeitraum von sieben bis acht Jahren entstanden und klingen daher recht unterschiedlich.

"Havana Club" ist auch ein Ergebnis Deiner Zusammenarbeit mit den Masters of Illusion?

Ich hatte zwei Stücke zur Auswahl und hab mich für "Talk To Me" entschieden, hatte aber auch die A-Capella-Spuren von "Bay Bronx Bridge", aus denen ich diesen Cut herausnahm. Der Beat, den ich dazu gebastelt hab, ist relativ schnell, fast 110bpm - beim Auflegen braucht man immer solche Stücke, mit denen das Tempo reduziert werden kann, wenn der DJ vorher schneller unterwegs war. Funktional gesehen ist der Track also Tempobrücke. Ursprünglich sollte er "Bacardi Party Break" heißen wegen des Vocal-Samples, aber meine Frau Svenja meinte dann, "Havana Club" sei der bessere Rum und zweitens das bessere politische Statement. Dem konnte ich nur zustimmen...im Übrigen tut"s mir wahnsinnig leid, dass ich Kodak in der Dankesliste vergessen habe - von ihm stammt das Sprach-Sample am Anfang des Songs.

"This Is The Time" hast Du für Komeit remixed?

Das ist ein Berliner Duo, das ganz filigrane und sensible Stücke macht. Ich hab ja noch eine Wohnung in Wien, die teilweise untervermietet ist. Weil meine Untermieterin für ein Semester im Ausland war zog Julia von Komeit, die ein halbes Jahr ein Wien-Stipendium hatte, als Ersatzuntermieterin ein. Sie arbeitet auch gerade an einer Platte, so hat sich die Zusammenarbeit ergeben.

Wie entstand "Lovesick"?

Ursprünglich hatte ich nur den Beat, alleine kann man den aber nicht auf eine Platte geben, also musste ich Vocals dazu suchen. Ich hab einzelne Wörter von "Let Me Talk To You" rausgesampelt und Vocals von Nina dazugegeben, die ich noch am Computer hatte. Mit diesem Track bin auch aber nicht ganz zufrieden, er ist mir zu inhomogen.

Zum zehnten Track: ein "Liebeslied"-Remix von dir erschien ja bereits auf "Boomboule", dem Remixalbum von "Bambule".

Damals hatte ich noch zwei andere Remixes gemacht. Dieser ist noch nie erschienen und eher fürs Schlafzimmer gedacht.

"I L.O.V.E. You 2002" ist eigentlich bereits ein Klassiker, den Du für die Platte aber ziemlich aufgepeppt hast:

Ich wollte das Stück eigentlich gar nicht drauftun - aber da das ein kleiner Hit war und viele Leute den Track suchen und nachgefragt haben, musste ich den Song mit in die Playlist nehmen, aber ich suchte eine andere Version, hab das "I Do Love You" Sample gefunden und dann noch Hubert Tubbs Live-Vocals einspielen lassen. Ich finde, der Song gibt der ganzen Platte eine Zusatzdimension und eine neue Wendung, weil statt der Samples auch Live-Gesang drauf ist.

Und "Terramonte Swing", finaler Track und Oldie?

"Terramonte" entstand eines Nachts beim Nachhausegehen vom Stammcafé, lang nach der Sperrstunde...ich hab am Keyboard meines Bruders ein Solo im Bontempi-Orgel-Sound hingelegt und dann am Vierspurkassettendeck ein Original-Solo drüber montiert. Das ist es.

"#1" von DJ DSL erscheint im November auf G-Stone Recordings. Bei der G-Night am 9.November wird der Longplayer offiziel präsentiert. Infos unter http://www.g-stoned.com.

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